Bali wird auch die »Insel der Tempel» genannt. Das ist richtig, da jeder Haus- halt seinen eigenen, meist bescheidenen Schrein besitzt. Jedes Dorf hat wenigstens drei Tempel: pura desa, pura
puseh und pura dalern, nämlich den Dorftempel, in dem die allgemeinen religiösen Zeremonien nach Hindu-Bali- Brauch vollzogen werden, ferner den Tempel des Ursprungs, in dem die Ahnen
verehrt werden, und schließlich den Tempel für die Toten. Das heißt aber nicht, daß die Tempel Balis traurig stimmen. Der Tod ist nur der Übergang in eine andere Welt, eine Feuerbestattung ist
deshalb kein Trauerfest. Die Tausende von Tempeln sind Stätten der Begegnung von Menschen und Göttern, unerläßlich für Riten und Zeremonien. Die Tempel lassen sich in folgende Gruppen
einteilen: Nationaler oder Muttertempel von Besakih, am Hang des Gunung Agung, des höchsten Berges der Insel, des balinesischen Olymp; hier fühlen sich alle Gemeinden repräsentiert.
Tempel verschiedener Fürstentümer; zu dieser Gruppe gehören auch die Tempel der Dörfer und Genossenschaften der Dörfer, so der Wasserbaugesellschaften (subak).
Tempel verschiedener Kasten der freien Vereinigungen, genannt pura penzaksan. Familientempel heißen pernerajan oder sanggah; in ihnen haben sich die Reste des uralten Ahnenkultes
erhalten. Bali-Tempel sind nicht düster und den Fremden verschlossen. Sie bestehen im allgemeinen aus einem, zwei oder drei Höfen, die von einem niedrigen Wall umgeben sind. Der Tempel
wird durch ein hohes, in der Mitte geteiltes Tor, candi bentar, betreten. Ähnliche Tore, zuweilen mit steinernen Wächtern, führen von Innenhof zu Innenhof, die jeweils mehrere Hallen, Pavillons,
Schreine und pagodenähnliche Türme, meru, beherbergen. Das in der Mitte gespaltene Tor ist ein Symbol der Polarität allen Geschehens. Die Türme sind drei- bis elfstufig gebaut, die höchsten
sind Shiva gewidmet. Es gibt in den größeren Tempeln männliche und zuweilen auch weibliche Tempelwächter. In den meisten Tempeln wird ein kleiner Beitrag zur Erhaltung der Anlage
gefordert, den man natürlich ohne Handeln und Feilschen entrichtet. Es empfiehlt sich auch, ein Stück Brokat oder farbigen Stoff bei sich zu führen, um eine Art Zeremonialschärpe beim
Betreten der Tempel um die Hüfte zu legen, wenn man nicht besser eine solche Schärpe von Fall zu Fall beim Tempelwächter gegen eine kleine Gebühr entleihen will. Bei einigen wenigen
Zeremonien besteht Fotografierverbot. Blitzlicht wird bei Originalzeremonien nicht geschätzt, abgesehen natürlich von Vorführungen, die speziell für Touristen angesetzt sind. In den Tempeln
soll man nicht höher stehen als die Priester und natürlich nicht halb nackt erscheinen. Die Zeremonien werden keinesfalls als bloße Unterhaltung verstanden, sondern als Teil der
Dhartna-Hindu-Religion, die darauf zielt, den Frieden der Seele und die Harmonie im Alltag zu erlangen.